Sexting bei Jugendlichen

Sexting – Was kann ich tun?

Was tun, wenn man vermutet, dass das eigene Kind mit seinen Freunden Nacktbilder von sich selbst austauscht? Einfach hoffen, dass nichts passiert oder kann man auch mehr tun?

Was ist Sexting?

Sexting meint ganz allgemein das Versenden von erotischen Fotos über Apps wie WhatsApp, Snapchat o.ä. Kanäle. Jugendliche tun dies aus unterschiedlichen Beweggründen. Manche versuchen durch das Versenden eines erotischen Bildes dem anderen ihre Liebe und ihr Vertrauen zu beweisen oder ihn für sich zu gewinnen, andere sehen es als eine Art Mutprobe.

Worin sich jedoch alle Experten und Studien einig sind: die Wahrscheinlichkeit, dass die Fotos über kurz oder lang nicht nur beim ursprünglichen Adressaten der Nachricht bleiben, sondern diese auch an andere Personen weiter verbreitet werden, ist sehr hoch – sei es nach Ende der Freundschaft, aus Rache oder auch aus „Stolz“ auf den Partner bzw. die Partnerin. Saferinternet.at gibt in einer selbst veröffentlichten Studie basierend auf einer Befragung von  500 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren an, dass ca. die Hälfte der Befragten jemanden kennen würden, der im Bereich Sexting schon negative Erfahrungen gemacht habe. Die Verbreitung ziehe für den Betroffenen oft unangenehme Folgen wie Mobbing, Verspottung oder auch Erpressung nach sich. Hinzu kämen die Scham und die Ungewissheit, wie viele Personen die eigenen intimen Aufnahmen gesehen hätten.

Was sagt das Gesetz?

Pornografische Aufnahmen von Unter-18-Jährigen gelten nach dem Gesetz als Kinderpornografie und dürfen daher nicht besessen, weitergeleitet oder wissentlich angeschaut werden. Ausnahme: Aufnahmen von sich selbst. Seit dem 1.1.2016 ist auch das einvernehmliche Tauschen von eigenen pornografischen Fotos oder Videos zwischen zwei mündigen Jugendlichen (beide über 14 Jahre) straffrei (§ 207a StGB Absatz 5).

Laut rechtlicher Regelung in Österreich ist es Jugendlichen über 14 Jahren nicht verboten, wenn beide einverstanden sind, Nacktbilder auszutauschen. Solche Fotos dürfen daher sowohl aufgenommen, als auch verschickt werden und im Besitz des jeweiligen Adressaten sein. An andere Personen dürfen diese Aufnahmen jedoch keinesfalls weitergegeben werden, dies wäre dann Verbreitung von Kinderpornographie.

Die Realität sieht leider sehr oft anders aus: Einmal versendet, werden diese intimen Aufnahmen vom Empfänger der Nachricht später doch an Dritte oder sogar an das gesamte soziale Umfeld weitergegeben, was emotionale und psychische Folgen nach sich zieht. Einmal in Umlauf gebracht, ist die Kontrolle über die Verbreitung eigentlich schon so gut wie verloren.

Sind Bilder versendet, gibt es so gut wie keine Kontrolle mehr

Die Verantwortung von Eltern der Betroffenen beschränkt sich bei diesem Thema deshalb nicht nur auf das Begleiten und Unterstützen ihrer Kinder, wenn es bereits zu spät ist.

Viel wichtiger ist es, sich schon im Vorfeld mit den Kinder auszusprechen, über Risiken auszutauschen und das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken, damit sie sich gegen etwaigen Gruppen- oder Erwartungsdruck durch Einzelne wehren können. Meist wird in der Prävention vor allem davor gewarnt, gar nicht erst erotische Aufnahmen von sich selbst zu machen bzw. diese dann zu verschicken.

Wie zwei neue Studien zum Thema Sexting aufzeigen, ist diese Form der Prävention nur eine Kehrseite der Medaille.

Aufforderung an Buben: „Fragt erst gar nicht nach Nacktbildern!“

Sarah E. Thomas  von der Northwestern University Annenberg Hall als auch Lauren A. Reed  von der University of California weisen in ihren Studien darauf hin, dass vor allem männlichen Jugendlichen beigebracht werden sollte, gar nicht erst nach entsprechenden Aufnahmen zu fragen, da dies junge Frauen oft unter Druck setze und verunsichere.

Viermal öfter als Mädchen setzten männliche Jugendliche junge Frauen unter Druck, ihnen Nacktaufnahmen von sich zu schicken, so Read in ihrer Studie „Gender matters: Experiences and consequences of digital dating abuse victimization in adolescent dating relationships“.

Weil Mädchen in der Pubertät jedoch insbesondere auf Beziehungen und romantische Ideale fokussiert seien, fänden diese sich dann in einer Dilemma-Situation wieder, so Thomas. Entweder sie lieferten dem Druck machenden Partner die Bilder oder aber sie riskierten das Ende der Beziehung. Oft folgten sie dem ersten emotionalen Impuls, die Beziehung erhalten zu wollen, so die Wissenschaftlerin. Zahlreiche Mädchen berichteten im Rahmen der Datenerhebungen, zum Versenden von Nacktfotos gedrängt worden zu sein.

Bereits das Drängen zur Aufnahme von Nacktfotos ist eine Grenzüberschreitung

Die Ergebnisse zeigen deutlich: nur über das Versenden von Fotos mit den Jugendlichen zu reden reicht nicht aus. In einem aktuellen Artikel der New York Times ruft die Autorin Lisa Damour Jugendliche auf, gar nicht erst nach Nacktfotos zu fragen. Es müsse thematisiert werden, dass bereits das Drängen einer anderen Person zur Aufnahme von Nacktfotos als Grenzüberschreitung zu werten sei.

Eltern und Pädagogen können also einen wichtigen Beitrag dazu leisten, oben beschriebene Situationen und Vorgänge zu vermeiden, indem sie nicht nur vor dem Versenden von Bildern warnen, sondern auch deutlich machen, dass unter Druck setzen des Anderen bereits grenzüberschreitendes Verhalten ist. Eltern kommt hier eine große Verantwortung und wichtige Aufgabe zu, die größtenteils von den Jugendlichen geschätzt werden dürfte. Jugendliche wünschen sich oft sogar, mit ihren Eltern mehr über schwierige Fragen rund um das Thema Sexualität und Beziehung zu reden.

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Elisabeth Födermayr

Elisabeth Födermayr

Verheiratet seit 2003, vier Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren, Juristin, lebt in Wien.
Elisabeth Födermayr