Schamgefühl

Schamgefühl – what for?

Scham – anerzogen oder angeboren?

Während in den 1960er Jahren die Meinung vorherrschte, Scham sei einzig und allein anerzogen und diese Scham sei Bremse von sozialen Beziehungen, ist diese Meinung heutzutage überholt.  Die Fähigkeit, Scham zu empfinden, gilt als angeboren. Schon Babys zeigen Schamgefühle, diese bilden sich jedoch im Laufe des Lebens weiter aus. Sie werden geprägt durch kulturelle und familiäre Einflüsse. Wie mit der eigenen Scham umgegangen wird, ist besonders in der Pubertät deutlich auch für die Umwelt sichtbar.
Die Entwicklung eines „gesunden“ Schamgefühls ist für Ihr Kind wichtig! Sexualerziehung bedeutet auch Erziehung zur Scham. Jeweils altersgemäß und auf die konkreten Umstände ausgerichtet: es geht -wie so oft- um die gesunde Mischung von „zu viel“ und „zu wenig“. Menschen ohne Schamgefühl oder Schamgrenze respektieren weder sich noch andere hinsichtlich ihrer Integrität. Sei es körperlich, sei es seelisch-geistig. Hingegen besteht für Menschen, die mit sehr engen, strengen Schamgrenzen aufgewachsen sind – die sich also sehr leicht für etwas schämen und dabei auch Schuld empfinden – die Gefahr, zu angepasst zu handeln. Sie verlieren das Gefühl, „etwas zu dürfen“ und fühlen sich leichter gedemütigt als andere.

Was bewirkt Scham

Jeder Mensch braucht einen geschützten Ort, einen Platz, wo er sich sicher fühlen kann. Es gibt bei mir Bereiche meines Körpers, die nicht öffentlich sind. Genauso gibt es Bereiche meiner Gefühlswelt, meines Herzens und meiner Seele, die nicht für alle bestimmt sind, die ich nur mit bestimmten Personen oder auch mit niemandem teilen möchte. Diese Privatsphäre zu schützen ist wichtig. Das Schamgefühl funktioniert dabei wie eine Alarmglocke. Es zeigt sofort an, wenn Grenzen unerwünscht überschritten werden. Das Schamgefühl schützt somit die Intimität und die Integrität – die Innerlichkeit und Persönlichkeitsreifung eines Menschen. Fehlt Schamgefühl, wird ein Mensch fremdbestimmt und kann Übergriffe schlecht abwehren. Wie bei jedem Gefühl soll man aber nicht bei der Empfindung allein stehen bleiben. Es ist notwendig, das Schamgefühl kognitiv zu hinterfragen und dabei in den konkreten Kontext zu stellen. Es ist zum Beispiel ganz normal, dass man sich schämt, vor Fremden nackt zu sein. Ist dieser Fremde aber ein Arzt und man selbst Patient in seiner Praxis, ist der Zusammenhang wieder ein ganz anderer: Dann muss man sich unter Umständen sehr wohl ausziehen, damit eine notwendige Untersuchung durchgeführt werden kann.

Nur wer das eigene Schamgefühl anerkennt, kann auch die Grenzen anderer respektieren.

Scham ist gut, denn sie

  • reguliert unerwünschte Affekte und unerwünschtes Verhalten
  • Formt das (kindliche) Selbst
  • Hat einen hohen Einfluss auf die Sozialisation: sie schränkt Selbstbezogenheit und Egoismus ein
  • Vermittelt einem Kind, dass es wichtig ist, aber nicht wichtiger als andere

Wie zeigt sich Scham?

Wie jemand auf eine Grenzüberschreitung reagiert, ist unterschiedlich und von verschiedenen Faktoren abhängig. Einerseits zeigt sich hier stark, welches Temperament ein Mensch hat. Ein in sich gekehrter, introvertierter Mensch handelt in einer beschämenden Situation sicher anders als ein extrovertierter, impulsiver Mensch. Prägend für ein Schamverhalten ist sicher das Umfeld, besonders das Verhalten in der eigenen Familie. Und nicht zu vergessen: die individuellen Erlebnisse jedes Menschen beeinflussen auch sein künftiges Verhalten.

Das Erlernen und Erspüren eines gesunden Schamgefühls steht in engem Zusammenhang mit der Sexualerziehung eines Kindes und ist dabei an die körperliche und seelische Entwicklung gekoppelt. Scham ist wichtig, denn dadurch definiert ein Kind seine Grenzen: Es lässt etwas zu, zeigt aber zugleich: bis hierher und nicht weiter. Schon ein Baby zeigt Unmut, wenn ihm Nähe – insbesondere von Fremden – unangenehm ist und weint dann – es „fremdelt“, wie man dann dazu sagt. Im Laufe der weiteren Lebensjahre bekommt ein Kind immer mehr Bewusstsein. Dies geschieht Hand in Hand mit der Entwicklung der eigenen Identität. Zu erkennen, wer dieses „Ich“ ist, das ich bin, ist wichtig. Dies geschieht auch durch Rückzug, Kinder nabeln sich dabei ab, sie gehen auf Distanz zu den Eltern – mit ambivalenten Gefühlen, frei nach der Devise: Lass mich gehen, aber halt mich dabei fest.

Wie eine zweite Geburt

Besonders in der Pubertätszeit ist der Umgang mit den verwirrenden Gefühlen schwierig, manchmal auch schmerzhaft. Für viele Jugendliche ist gerade in dieser Zeit der Körper mit seinen entwicklungsbedingten Veränderungen Plattform der inneren Unruhe. Weil sich der Jugendliche unsicher fühlt, hat er den Eindruck, permanent beobachtet zu werden, fühlt sich von jedem Blick vorschnell kritisiert. Weil die körperlichen Veränderungen den Teenager selbst überraschen und er oder sie sich nicht mehr in sich selbst zu Hause fühlt, bedeutet das unter Umständen großes Leid – vor allem dann, wenn ein Erwachsener sich lustig macht, vielleicht darüber spottet, dass das Kind die Badezimmertür abschließt und sich nicht anschauen lassen möchte.

3 goldene Regeln zu „DAs Schamgefühl respektieren“

Wie kann ich als Mutter oder Vater richtig reagieren?

  1. Verständnis und Respekt: Machen Sie sich niemals über das Schamgefühl Ihres Kindes lustig, sondern halten sie die Intimsphäre und die Grenzen ihres Kindes ein. Achten Sie aber auch darauf, dass diese Spielregel auch umgekehrt gilt. Bleiben Sie im respektvollen Dialog miteinander, auch wenn die Emotionen hochgehen.
  2. Keine Vergleiche: Jeder Mensch ist einzigartig. Die Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen läuft nicht nach Schema F ab, sondern jeder hat sein eigenes Tempo, seine eigene Persönlichkeit. Zu vergleichen wertet ab und beschämt.
  3. Vorbild sein: Das, was du bist, ruft mir so laut zu, dass ich kein Wort von dem verstehe, was du sagst (Ralph Waldo Emerson 1803 – 1882). Für Eltern keine leichte Aufgabe, die richtige Mischung zu finden. Aber wichtig ist vor allem Authentizität.
Elisabeth Födermayr