Jugend sexualerziehung Schule

Eine verschüttete Sehnsucht der Jugend freilegen

“Teen Star“: ein Programm der Sexualerziehung

Die Pause ist zu Ende, die Schulglocke ertönt. Der letzte Schluck Kaffee wird nach einem kurzen Vorbereitungsgespräch mit dem (Religions)lehrer im Konferenzzimmer noch schnell getrunken, und ab – in das Klassenzimmer.

Der Lehrer stellt mich kurz vor: neugierige, erwartungsvolle, aber auch kritische Blicke von Halbwüchsigen mustern mich und doch “funkt“ es irgendwie. “Schön, dass ihr mich eingeladen habt“ – ich beobachte das Lächeln eines Mädchens, ihr Blick trifft sich mit dem des Lehrers. Ich verstehe.

Anonyme Fragen wurden mir schon eine Woche vorher gegeben, so dass ich mich auf diese Doppelstunde vorbereiten konnte. Es geht um “das“ Thema der Jugendlichen schlechthin: “Liebe, Freundschaft, Sexualität“.

Ich beginne mit einer provokanten Frage und schreibe diese beiden Wörter an die Tafel: “ Sex – Sexualität“. Schweigen. Nach einigen Augenblicken nehme ich eine “Ellbogenkommunikation“ eines Jungen mit einem anderen wahr, einige Blicke richten sich zu Boden, der Großteil der Jugendlichen starrt auf die Tafel. Ich warte.

“Miteinander schlafen“, ertönt es aus der letzten Reihe, ein Mutiger meldet sich. Ich schreibe die Formulierung unter das entsprechende Wort, frage weiter nach dem anderen Begriff. “Ist dasselbe“, “Gee“, “ist mehr“ ertönt es.

Es wird lebendig. Die erste Hürde ist geschafft!

Wir werden uns einig, dass beide Begriffe Unterschiedliches bedeuten und dass wir in diesen beiden Unterrichtseinheiten über “Sexualität“ sprechen werden.

Diese “erste“ Stunde, besser dieser Einstieg, in einer vierten Hauptschulklasse wiederholte sich so oder ähnlich in den letzten zwei Jahren mittlerweile fast zehnmal: in vierten Hauptschulklassen, Polytechnischen Schulen, einer 7. Klasse Gymnasium und einer dritten Berufsschulklasse für Tischler.

“The power of love“ oder “Was ich über Liebe, Freundschaft, Sexualität und das andere geheimnisvolle Geschlecht noch nicht weiß“, waren die Titel der Begegnungen, zu denen ich in Schulen, aber auch in Jugendgruppen eingeladen wurde.

Eine sehr fruchtbare Zeit. Ich war sehr angetan von der Offenheit der Jugendlichen, den ehrlichen Fragen und der Aufnahmebereitschaft. Die Rückmeldungen, die ich am Stundenende immer schriftlich erbat, waren sehr aufschlussreich: Die neue Information (die nicht so erwartet wurde), die Klarheit, besonders aber die Offenheit, über das Thema zu sprechen, punkteten bei den meisten. Manche Klassen wünschten eine Fortsetzung.

Viele der anfangs kritischen Gesichter wandelten sich allmählich in offene und fragende, und der Großteil der Schüler meldete sich während des Klassengespräches zu Wort.

Für mich war das selber ein wunderbares Erlebnis, eine gewisse “Reinheit des Herzens“ wurde spürbar. Die ehrlich gestellten Fragen, wenn auch mitunter etwas derb formuliert, die zustimmenden Blicke, manchmal auch Tränen in den Augen zeigten mir eine verschüttete Dimension in den Herzen dieser jungen Menschen: Dieses “heiße Eisen“ ist einfach ein Thema, über das – in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft – nicht wirklich gesprochen wird, zumindest nicht so, dass Jugendliche Wegweisung erhalten: ehrlich, offen – und sensibel. Manche Familien mögen da Ausnahmen sein.

Ein Programm der werteorientierten Sexualerziehung

Wie heißt es aber? “Probleme sind da, um gelöst zu werden!“. Der Heilige Geist lässt uns nicht alleine, gerade und auch auf dem Gebiet der “Erziehung zur Liebe“ nicht. Seine Inspirationen haben eine Frau erreicht, die mir selber Wegweiserin geworden ist: Sr. Dr. med. Hanna Klaus, die Initiatorin von “Teen Star“, einem Programm der werteorientierten Sexualerziehung mit christlichem Hintergrund.

Teen Star“ (“Sexuality Teaching in the Context of Adult Responsability“) meint Unterricht im Bereich der Sexualität, verbunden mit der Verantwortung von Erwachsenen.

Im Unterschied zu verschiedenen, großteils kritisch zu beurteilenden Sexualerziehungsprogrammen, bietet dieses Modell etwas völlig Neues:

  • die ganzheitliche Sicht von Sexualität in ihrer physischen, emotionalen, sozialen, intellektuellen und spirituellen Dimension,
  • die Förderung des Fruchtbarkeitsbewusstseins.

Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist bei diesem Kurs eine wichtige Voraussetzung

Wir müssen uns fragen, welche Werte wir unseren Teenagern vermitteln wollen, nicht nur für später, sondern ganz konkret für das Alter, in dem sie sich jetzt befinden: in der Pubertät, jener oft so schwierigen Zeit, auch für die Erzieher. Die Jungen sollen diese Zeit wirklich gut leben, nicht nur “irgendwie durchkommen“. Und dazu brauchen sie Anleitung, Unterstützung und vor allem Begleitung.

Gerade im Bereich der Sexualerziehung, die ja in erster Linie Aufgabe der Eltern ist, ist es schwierig, die “Reinheit des Herzens“ mit der konkreten Realität zu verbinden. In unserer pluralistischen Gesellschaft müssen Jugendliche Wegweisung erhalten, wie sie die aufkommenden Gefühle in ihre Gesamtpersönlichkeit integrieren können. Da werden oft außerfamiliäre Angebote leichter angenommen. Allerdings wird man diesem Anspruch weder durch Moralisieren, noch durch die Verteilung von Verhütungsmitteln gerecht.

Der Ansatz von “Teen Star“ ist ganzheitlich, wodurch der junge Mensch befähigt werden soll, verantwortliche Entscheidungen im Bereich der Sexualität zu treffen. Das Entdecken der eigenen Fruchtbarkeit soll bei den Jugendlichen das Verständnis und die Wertschätzung ihrer Sexualität erhöhen, wodurch das Aufrechterhalten sexueller Enthaltsamkeit bzw. die Rückkehr zu dieser erstrebenswerter wird.

Die Sprache meines Körpers entdecken

In getrenntgeschlechtlichen Gruppen (manche Einheiten sind gemeinsam) wird mit den Jugendlichen über ein halbes bis dreiviertel Jahr in wöchentlichen oder 14-tägigen Treffen alles erarbeitet, was zum Thema gehört: z. B. Geschlechtsorgane, Zyklus, Fruchtbarkeit – “Die Sprache meines Körpers entdecken“, Mann und Frau, Sexualität in den Medien, Embryonalentwicklung, Abtreibung, Homosexualität, Ehe und Berufung allgemein.

Für die Mädchen ist während des gesamten Kurses begleitend dazu die Zyklusbeobachtung gewünscht. Allen Teilnehmern werden Einzelgespräche angeboten.

Alles in allem: Seit ich das Programm vor sechs Jahren kennengelernt habe – es arbeitet übrigens derzeit erfolgreich in 24 Ländern – bin ich wirklich davon überzeugt: Die “Reinheit des Herzens“ kann heutigen Jugendlichen auf eine wunderbare Art vermittelt oder wieder neu angeboten werden.

Helga Sebernik

Pädagogin an Pflichtschulen und einer BHS, Teenstar Koordinatorin in Österreich
Helga Sebernik