Der erste Besuch beim Frauenarzt

Der erste Besuch beim Frauenarzt

Wann ist der beste Zeitpunkt? – Wie darüber reden?

Ein Erfahrungsbericht

Als Eltern muss man heute schon sehr früh darüber nachdenken, wie und wann man mit seinen Töchtern das absolut heikle Thema „Frauenarzt“ ansprechen soll. Schon allein, damit es eines Tages eben kein heikles Thema mehr ist. Es gibt sicher auch gute Gründe, mit dem Erstbesuch zu warten, diese Entscheidung ist von Familie zu Familie und vielleicht sogar von Tochter zu Tochter verschieden. Unsere Motivationen, mit den Töchtern relativ bald zum Frauenarzt zu gehen, möchte ich gern zur Anregung weitergeben.

„Ich gehe sicher nicht zum Frauenarzt. Schon gar nicht zu einem Mann!“ So war die erste Reaktion meiner Töchter, als ich ihnen vor ein paar Jahren diesen Termin buchstäblich „auf’s Auge gedrückt“ habe. Damals waren sie noch verhältnismäßig jung. Ich bin sehr dankbar, dass wir diesen ehrlichen Weg gegangen sind. Denn spätestens wenn die Tochter 16 Jahre alt wird, sollte es zumindest ein offenes Gespräch zu diesem Thema geben. Idealerweise zwischen Mutter und Tochter. Natürlich ist auch schwesterlicher oder großmütterlicher Rat hervorragend geeignet.

 

Warum nicht zu lange warten?

In einem ersten Schritt sollte die Tochter ihren eigenen Körper kennenlernen und im Gespräch mit der Mutter ihre eigenen Wert- und Lebensvorstellungen entwickeln. Alle Themen rund um körperliche Entwicklung und Sexualität sind bekanntlich höchstpersönlich und setzen bei der Beurteilung ein gewisses Maß an Selbstwertgefühl voraus. Offenheit dem eigenen Kind gegenüber schafft, die erste Hürde zu überwinden. Erst wenn sich das junge Mädchen ihrer Mutter frei öffnen kann und diese intimsten Fragen ehrlich beantwortet bekommt, kann sie gestärkt und selbstbewusst zum Frauenarzt gehen.

Meiner Ansicht nach ist es besser, früher diesen Weg anzutreten, da dann rechtzeitig, noch vor der abgeschlossenen weiblichen Entwicklung, Ängste und Vorurteile gegenüber der gynäkologischen Behandlung abgebaut werden können. Unser vordergründiges Ziel ist, unsere Töchter zu furchtlosen Frauen zu erziehen. So können sie später unvoreingenommen ihre regelmäßigen, sinnvoller Weise jährlichen, Untersuchungen absolvieren. Gynäkologie ist schließlich vielmehr, als nur die Verschreibung von Verhütungsmitteln – wenn dies denn überhaupt Thema sein sollte. Es geht in erster Linie um die allgemeine Gesundheitsvorsorge der heranreifenden Frau.

Ein weiterer wesentlicher Grund, das Gynäkologie-Thema nicht zu weit nach hinten zu schieben, ist, dass die digitalisierte Welt derartig viele Falschmeldungen und Verunsicherungen verbreitet, dass es schlicht immer nötiger wird, unsere gerade pubertierenden Töchter mit der Realität vertraut zu machen. Schon allein, um den Fehlinformationen aus dem Netz oder von Erzählungen Gleichaltriger, die ihre „Kenntnisse“ auch aus dem Netz ziehen, zu widerlegen. Kurz: man muss möglichst schneller sein, als die Informationsquelle der Internetblase. Und die Zeit drängt, denn ab 13 Jahren wird es schwer, Kinder vom Netzkonsum fernzuhalten.

 

Schulterschluss der Mutter

Wenn wesentliche Wertvorstellungen greifen und das junge Mädchen nun theoretisch bereit ist, die Ordination aufzusuchen und diese mit sehr viel Herzklopfen betritt, so ist es sehr wichtig, zunächst als Mutter zu betonen, dass es immer seine eigene Meinung, seine eigenen Glaubens- und Moralvorstellungen haben darf, ja sogar muss. Und diese eigene Meinung, gerade auch in Verhütungsfragen, muss Tochter face-to-face mit dem Frauenarzt dann vertreten können. Ein „Nein‘“ zur rechten Zeit ist vorrangig. In einer Zeit, in der man schnell gemobbt wird nur, weil man wegen Nichtigkeiten nicht dem Mainstream entspricht, ist Entschlossenheit ein riesiger Schritt in Richtung Erwachsenenwelt. Das sollten wir Mütter unseren Töchtern jedenfalls mitgeben.

Besteht die Sorge, dass ein Frauenarzt – aus seiner Perspektive und aus verschiedenen Motivationen heraus vielleicht nachvollziehbar, aber aus unserer Sicht vorschnell – auch zur Verschreibung hormoneller Verhütungsmitteln tendieren könnte, so empfehle ich Müttern, in jedem Fall den konkret passenden Gynäkologen (ob lieber ein Arzt oder eine Ärztin ist ganz individuell) zu suchen, und zwar vor dem Termin mit der Tochter. Sollte die Mutter den Arzt oder die Ärztin nicht kennen, empfehle ich, vorher unbedingt selbst hinzugehen und ein persönliches Gespräch führen. Das halte ich für extrem wichtig! Übrigens: Empfehlungen unter Freundinnen sind auch ein zweischneidiges Schwert. Kein Arztbesuch mit der Tochter ist so wichtig, wie der erste Termin beim Frauenarzt. Da müssen Wertevorstellung und Sympathie ebenso passen, wie medizinische Sorgfältigkeit. Wenn also diese Voraussetzungen geschaffen sind, so kann die Tochter erhobenen Hauptes zum Erstgespräch gehen.

 

Ein großer Schritt nach vorn

Untersucht werden Mädchen bei diesen ersten Terminen, die ohne akuter medizinischer Notwendigkeit stattfinden, nie. Das den Töchtern zu sagen, ist essentiell, es mindert die Angst. Der erfahrene Gynäkologe wird sehr sensibel vorgehen. Er spricht offen und nimmt die Furcht vor diesem Fachgebiet. Und vor allem beantwortet er alle Fragen des jungen Mädchens ohne sie zu brüskieren. Ist dieser Termin ausreichend vorbereitet, so sind unsere Töchter danach stärker, mutiger … und ganz schön Frau.

 

Katharina Nepf