Aufklärung – wieso?

Aufklärung – wieso?

Es gehört ja nicht gerade zu den einfachsten Aufgaben, Aufklärungsgespräche mit den Kindern zu führen. Aber es lohnt sich.

Ein neugieriger Besuch

Auch wenn eine gewisse Überwindung notwendig sein sollte, zentral ist: Wir dürfen uns nicht davor drücken, dürfen die Augen vor der Notwendigkeit nicht verschließen. Viel besser ist es, jederzeit bereit zu sein, die Fragen unserer Kinder zu beantworten.

Ein Vater erzählt: „Mein Sohn war in der dritten Klasse Volksschule, als er Besuch von einem Freund hatte. Enttäuscht kam er nach einiger Zeit aus seinem Zimmer und bemängelte, dass sein Besuch, mit dem es sonst immer so lustig ist, heute gar nicht zu gebrauchen sei. Er sitze nur im Zimmer und sehe sich total darin versunken ein Buch an. Dabei wollten sie doch eigentlich Ritter spielen…“ Ein Blick ins Zimmer erklärt dem Vater die Enttäuschung seines Sohnes: Das spannende Buch, von dem sich der junge Gast nicht losreißen konnte, war das (kindgerechte) Aufklärungsbuch, das dieser im Bücherregal seines Freundes entdeckt hatte.

Altersgemäße Entwicklungsschritte

In der Entwicklung eines Kindes gibt es immer wieder Zeiten, zu denen bestimmte Themen besonders relevant sind. Eltern, die sich um eine liebevoll beobachtende und begleitende Erziehung bemühen, bemerken diese Veränderungen und ergreifen die Möglichkeiten, die sich dadurch bieten. Es ist dann nämlich besonders einfach, bestimmte Themen oder Entwicklungsschritte im Kind zu verankern. Das betrifft das Thema „Sauberwerden“ oder „feste Nahrung essen lernen“ genauso wie bestimmte kognitive Fähigkeiten wie die Farben erkennen und benennen zu lernen oder sich selbst als „Ich“ zu erkennen. Nicht anders ist auch beim Thema Sexualität. Während ein paar Wochen zuvor dasselbe Kind noch peinlich berührt oder völlig uninteressiert war, findet es einige Zeit später höchst interessant, wie die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau aufeinander abgestimmt sind und wie das eigentlich genau ist, mit den Babies im Bauch der Mutter.

Zusammenhänge verstehen

Dass Babies im Bauch der Mama wachsen, ist den meisten Kindern bekannt und das erleben sie auch im eigenen Umfeld. Im mittleren Volksschulalter wächst aber Interesse, sie wollen Zusammenhänge verstehen und fragen nach dem wie und warum. Diese normale und altersgemäße Neugier, die nach ehrlichen Antworten sucht, kommt für die Eltern oft überraschend.

Kaum etwas fällt Müttern und Vätern so schwer, wie mit ihren Kindern über Sex zu reden. Dabei kommt uns noch immer eine Schlüsselrolle zu, wie eine Schweizer Studie durchgeführt vom Bundesamt für Statistik an 4978 jungen Erwachsenen aus der ganzen Schweiz zeigt. Gestellt wurde die Frage. »Wer hat mit Ihnen während Ihrer Kindheit und Jugend hauptsächlich über Sexualität gesprochen?« Die Teilnehmenden konnten dabei aus neun Vorschlägen nur einen auswählen. Die Ergebnisse wurden dann in sechs Gruppen unterteilt, je nach ihrer Hauptinformationsquelle für die Aufklärung: Freundeskreis, Eltern, Schule, Internet, niemand, andere. Die Freundinnen und Freunde landeten mit 38,9 Prozent an erster Stelle, gefolgt von den Eltern mit 27,3 Prozent, der Schule mit 19,1 Prozent und dem Internet mit 8 Prozent.

Es ist nicht egal, wer informiert

Die Wissenschaftler verglichen diese sechs Gruppen und fanden heraus, dass Kinder, deren Pubertät besonders früh oder spät einsetzt, Nicht-Heterosexuelle und junge Männer eher Informationen im Internet suchen. Gleichzeitig zeigen sich bei Jugendlichen, die das Internet und den Freundeskreis als Hauptquellen für die Aufklärung nutzen, häufiger negative Entwicklungen wie riskantes Sexualverhalten entwickelten. Das ist sei großes Problem, betonten die Wissenschaftler. Kurz gesagt: Es ist eben nicht egal, woher die Information kommt. Aber diese Zahlen zeigen immerhin auch: Eltern stehen laut dieser Studie immerhin an zweiter Stelle, Gespräche finden offenbar trotz des unangenehmen Themas statt – spätestens wenn die Pubertät da ist und der erste Sex in Denkweite kommt.

Junge Frauen wurden laut Studie vergleichsweise häufiger von ihren Eltern – meistens der Mutter – aufgeklärt als junge Männer. Ein möglicher Grund für diesen Unterschied könnte sein, dass sich Eltern eher um die Aufklärung der Mädchen kümmern, weil diese schwanger werden können. Eine mögliche andere Erklärung ist auch, dass der Zeitpunkt der ersten Periode oft als Anlass für ein Gespräch über Sexualität allgemein genützt wird. Ein Fixpunkt, den es beim männlichen Körper nicht so offensichtlich gibt. Den Pornos jedenfalls, aus denen sich die Hälfte der Jungs nach eigener Angabe „wichtige Informationen“ holt, sollten wir diese Aufgabe wohl besser nicht überlassen.

Die Persönlichkeit stärken und fragen dürfen

Dass ein Kind seine Gefühle und Grenzen ausdrücken darf und soll, dass es zu nichts gedrängt werden darf und selbstverständlich das Recht hat, Nein zu sagen – solche Themen sind schon im Kindergartenalter wichtig. Du bist wertvoll, Du darfst Deinem Bauchgefühlt trauen, wenn es Dich warnt. Niemand darf Deine Schamgrenze überschreiten. Du darfst Du sein und bist bedingungslos geliebt. Mama und Papa sind für Dich da, beschützen Dich und Du darfst immer zu uns kommen. Auch wenn es peinlich ist, es geht um Dich und Dein Wohl. Diese Botschaften sollen beim Kind fest verankert werden. Wenn die Schüler älter werden, bekommen die Gespräche darüber nur zusätzliche Nuancen, gerade in Sachen Sexualität. Nur Mut, liebe Eltern – es lohnt sich, sich altersgemäß den Fragen der Kinder zu stellen – es geht um viel! Nur wer Antworten gibt, kann mitbestimmen, was das Kind hört, was wichtig ist. Denn Antworten suchen Kinder. Sonst eben anderswo.

 

Quelle: Does the Primary Resource of Sex Education Matter? A Swiss National Study. Hrsg.: The Journal of Sex Research (2019).

Elisabeth Födermayr
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