Gespräche beim Babysitten

Und wenn sie MICH fragen?

Gespräche beim Babysitten

Die beiden Kinder, auf die ich heute beim Babysitten aufpasse, bewundern meine Ohrringe. „Ich hab keine Ohrringe“, bemerkt Lea. „Haben deine Kinder auch welche?“, will Martin wissen. „Nein, ich hab doch keine Kinder!“ Aber das will Martin nicht in den Kopf, denn in seiner Umgebung sind alle Frauen Mütter. Er besteht auf seiner Frage: „Aber haben sie Ohrringe, so wie du?“ „Martin, ich hab noch keine Kinder!“ Lea mischt sich ein: „Die sind noch in ihrem Bauch!“ Ich muss lachen: „Nein, die sind noch nicht einmal in meinem Bauch, da hat sie noch niemand hineingelegt.“ An diesem Punkt lasse ich das Gespräch auslaufen, das möchte ich den Eltern überlassen. Und das Interesse der Beiden ist auch schon wieder bei ganz was anderem. Aber am Heimweg fragt der kleine Martin dann doch noch mal: „Wie heißen deine Kinder?“

Georg bekommt bald ein Geschwisterchen. Das ist aufregend! Den ganzen Tag spielen wir „Geburt“: Ein Stofftier unter das T-Shirt gestopft – und schon ist man schwanger. Ich bin der Arzt, der den Bauch vorsichtig abtastet. Und kurz darauf ist das Baby auch schon auf der Welt, wird kurz bewundert und dann in der Wiege abgelegt, bevor das nächste Stofftier unterm T-Shirt verschwindet. „Wenn ich groß bin, werde ich auch schwanger!“, verkündet Georg stolz und zieht ein Eichhörnchen aus seinem Schwangerschaftsbauch. „Das geht nicht!“, ruft seine große Schwester dazwischen. „Nur Frauen können Babys im Bauch haben, und du wirst ein Mann.“ Georg ist sichtlich enttäuscht. Warum kann er keine Frau sein?! Also füge ich hinzu: „Aber du kannst Papa werden, wenn du groß bist. So wie dein Papa! Papas sind genauso wichtig, oder?“ – „Ja, weil der Papa hat mir die Eisenbahn repariert. Und er ist so stark, dass er alle Diebe verjagen kann!“ Nun ja, zumindest ist er wieder davon überzeugt, dass es gut ist, ein Mann zu sein.

„Bist du verliebt?“

Seit fünf Minuten tuscheln Johanna und Martha hinter vorgehaltener Hand, und es scheint um mich zu gehen. Haben sie mir einen Aufkleber auf den Rücken geklebt? Schließlich überredet die Ältere ihre Schwester, mir das Geheimnis ins Ohr zu flüstern. Zuerst verstehe ich kaum etwas vor lauter Gekicher, aber dann vernehme ich die Frage: „Bist du verliebt?“ Ach darum geht es! „Ja, ich bin sogar verlobt“, antworte ich ruhig und hocke mich zu den Kindern. „In wen?“, ruft Martha, während Johanna wissen will, was „verlobt“ bedeutet. „In den Emmanuel.“ – „In den vom Kindergarten?!“, ruft Martha erstaunt. „Aber nein! In meinen Emmanuel! Schau, ich zeig euch ein Foto.“ – „Oooh, ihr seid aber sehr verliebt!“, kommentieren sie das Foto in meiner Geldbörse. „Wirst du ihn heiraten?“ – „Ja, wir sind verlobt, das heißt, wir wollen heiraten.“ – „Und dann bekommst du Kinder?“ – „Ja, das hoffe ich!“ – „Und der Emmanuel ist dann der Papa von deinen Kindern“, folgert Johanna. Aus dem Kicherthema ist ein ernsthaftes Gespräch entstanden und sie haben gemerkt: Verliebtsein ordnet sich ein in den großen Bogen einer Paarbeziehung, die auf die Ehe ausgerichtet ist. Natürlich war das Thema damit nicht vorbei, sondern es kommen jetzt regelmäßig Fragen: Hast du ihn schon auf den Mund geküsst? Sind wir eingeladen, wenn du heiratest? Bringst du ihn mal mit? Und selbstverständlich muss er in allen Gute-Nacht-Geschichten vorkommen!

Was hätte ich gesagt?

Ich sitze auf einer Bank am Spielplatz während die mir anvertrauen Kinder am Klettergerüst sind. Vor mir unter der Rutsche haben zwei fremde Volkschulbuben gerade etwas entdeckt und schieben es mit dem Fuß herum. Der eine erklärt großspurig: „Das haben Mädchen im Arsch!“ Eine Klassenkollegin ist aufmerksam geworden. Sie will sich die Neugierde nicht anmerken lassen, aber als die Freunde weggehen, hebt sie den Tampon auf. „Das haben Mädchen im Arsch!“, erklärt ihr ein dreijähriger Bub, der zugehört hatte. Das Mädchen schaut es noch kurz an und wirft es dann wieder auf den Boden. Was für ein würdeloser, trauriger erster Zugang! Wären die mir anvertrauten Kinder dazugekommen und hätten mich gefragt, was hätte ich gesagt? Vielleicht in etwa so: „Du weißt ja, dass, wenn ein Baby entsteht, eine Eizelle von der Mama mit der Samenzelle vom Papa zusammenkommt. Jeden Monat ist so eine Eizelle im Bauch von der Mama bereit. Aber wenn dann keine Samenzelle kommt, geht sie ab, und dann blutet man ein bisschen aus der Scheide. Und damit die Unterhose nicht blutig wird, kann man so ein weiches Tampon verwenden, das das Blut aufsaugt.“

„Ich bin ein Mädchen!“

Klara und ich sind am Weg zum Spielplatz. Aus dem Nichts heraus sagt sie: „Ich bin ein Mädchen!“ – „Ja, das stimmt.“ – „Und die Philippa ist auch ein Mädchen… und die Laura auch… und die Mama auch.“ – „Und der Papa?“, vervollständige ich die Aufzählung der Familie. „Der Papa nicht, der ist ein Bub. Nur der Papa ist ein Bub.“ – „Kennst du keine anderen Buben?“ – „Nein.“ Da muss ich wohl ein bisschen nachhelfen: „Im Kindergarten, da gibt’s doch auch Buben, oder?“ Jetzt zählt sie mir fast ihre ganze Kindergartengruppe auf und präzisiert bei jedem, ob er ein Mädchen oder ein Bub ist. Auch das ist Sexualerziehung. Und als Klara am Heimweg mit dem Laufrad vor mir her fährt, singt sie vor sich hin: „Ich bin ein Mädchen! Ich bin ein Mädchen!“

Gespräche ergeben sich oft spontan und unverhofft. Mir ist wichtig, dass ich mit den Kindern einfühlsam und altersgemäß spreche, die Kinder in den Antworten stärke und dabei ehrlich bin. Ich möchte Eltern dabei in ihrer Erziehung unterstützen, ohne ihnen aber vorzugreifen.

Pia Kollmann

Pia Kollmann studiert in Wien katholische Theologie und Französisch auf Lehramt. Sie ist verlobt und verbringt viel Freizeit mit Kindern.
Pia Kollmann

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